Münster West

Haus Brock in Roxel: ein besonderes Denkmal, gerade weil vieles verschwunden ist

Wenn Bauer Heitplatz seine Liegenschaft „Haus Brock“ am Tag des Denkmals zur Besichtigung freigibt, ist das eine nette Geste. Dass er damit kurzzeitig ein Verkehrschaos auf der schmalen Straße „Haus Brock“ auslöst, wird er nicht geahnt haben. Denn die Resonanz war so groß, dass man der Aktion des Heimat- und Kulturkreises (HKK) Roxel vieles bescheinigen kann: nur nicht, dass sie CO2-neutral gewesen ist. Etwa die Hälfte der rund 100 Interessierten reiste im Pkw an. Die andere Hälfte ergriff die Gelegenheit, im Rahmen der vom HKK angebotenen Radtour zu dem Gehöft ganz in Roxels Westen zu gelangen.

Viele Besucher reisten mit dem Auto an

Wer im „Brock“ in Roxel spazieren geht, kennt den Turm des Hauses Brock. Dass es dort auch ein altes Torgebäude gibt, ist nur zu sehen, wenn man näher an das Ensemble herangeht. Die spärlichen, teils überraschenden Informationen zu dem Denkmal, an dem es noch keinerlei archäologische Forschung gegeben hat, übermittelte beim Tag des Denkmals Gunnar Teske vom HKK. Anhand vorhandener historischer Informationen und mithilfe von Archiv-Materialien berichtete er Wissenswertes, vor allem zu Dingen, die nicht zu sehen sind. Denn das eigentliche „Haus Brock“ steht gar nicht mehr. Nicht einmal eine Abbildung davon ist erhalten. Wann genau es abgebrochen wurde, ist offenbar nicht bekannt. Sehr lang scheint es nicht existiert zu haben. Erhalten geblieben ist nur ein Turmflügel, der heute als Wohnhaus genutzt wird und an dem noch Abbruchkanten des Rest-Gebäudes zu sehen sind.

Der Turmflügel des verschwundenen Haupt-Hauses von Haus BrockBekannt ist nur soviel: Haus Brock wurde auf dem Gelände des damaligen landwirtschaftlichen Gehöfts ab 1619 vier Jahre lang als Wehranlage durch Johann von Stevening errichtet – mitten im 30-jährigen Krieg. Aus den Akten weiß Gunnar Teske, dass die Bauern im nahe gelegenen Rüschenfeld Stevening während der Bauarbeiten für vier Jahre den Betrieb einer Ziegelei gestatteten. Auch davon ist nichts mehr zu sehen. Stevenings Grabplatte – wie auch die seiner ersten Frau – ist hingegen erhalten. Beide Platten hängen im Turm-Eingangsportal des Roxeler Pantaleonkirche. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Stevenings damals evangelisch waren.

Das heute noch vorhandene, mit der Jahreszahl 1632 versehene Torhaus schützte nach Westen zu den Baumbergen hin einen Innenhof, auf dem Stallungen, Scheunen, Mühlen und weitere Wohngebäude angesiedelt waren. Umgeben war Haus Brock komplett von einer Gräfte, die heute weitgehend verschwunden ist. Das herrschaftliche Haus stand südwärts auf einem erhalten gebliebenen, künstlichen Hügel. Gunnar Teske vermutet, dass sich darunter zumindest noch Fundamente, möglicherweise sogar Kellerräume des Gebäudes befinden. Der Grundstückseigner berichte, dass während trockener Sommer anhand der Gras-Färbung der Verlauf der Grundmauern zu sehen sei.

Blick auf das Torhaus von Haus Brock in Roxel
Das Torhaus weist mancherlei Insignien auf, die Adelssitze und Wehrburgen der damaligen Zeit vorweisen mussten. Prächtige Staffelgiebel verbreiten mittelalterliche Pracht (und dienten nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorbild beim Wiederaufbau der Münsterschen Innenstadt-Fassaden). Verschließbare Schießscharten ermöglichten die Verteidigung der verschwundenen Hängebrücke. Zahlreiche Luken entlang der gesamten Fassade dienten als Taubenschläge. Tauben benötigte der standesbewusste Adelige der damaligen Zeit für die Falkenjagd. All das könnte, so vermutete der heimatkundliche Fachmann Teske, Schwindel gewesen sein. Möglicherweise war das Haus mehr Kulisse als tatsächliche Wehrburg. Denn die Stevenings gehörten nicht zum „echten“, alteingesessenen Adel, sondern waren eine Erbmännerfamilie. Während „Uradelige“ Grundbesitzer waren, waren Erbmänner städtische Kaufleute (Stevenings hatten ihren städtischen Hauptsitz an der heutigen Jüdefelder Straße), die durch die Städte in den adelsgleichen Stand erhoben worden waren. Der Uradel rümpfte über die Erbmänner die Nase und verweigerte ihnen mancherlei Privilegien. Die Erbmänner wiederum wollten über manchen Prunk zeigen, dass sie es mit dem Adel aufnehmen konnten.

Welche Räume auf dem Anwesen ursprünglich vorhanden gewesen sind, hatte Gunnar Teske aus alten Notariatsakten rekonstruiert. Die Besucherinnen und Besucher konnten viele davon im Torhaus besichtigen. Beeindruckend in diesem heute nur noch wenig genutzten, als Garage, Lager und Werkstatt dienenden Gebäude: Zu sehen sind noch riesige Kamine. Im Keller überrascht eine imposante Säule, die ins Ergeschoss reicht, dort aber nicht fortgeführt wird.

Für die seit 1934 am Haus Brock ansässige Familie Heitplatz ist die historische Immobilie durchaus eine Belastung. Für landwirtschaftliche Zwecke sind Torhaus und Turmflügel nur wenig geeignet. Anderweitige Nutzungen sind schwer zu finden. Alles steht unter Denkmalschutz und darf kaum verändert werden. Der langsame Verfall der historischen Gebäude scheint vorprogrammiert zu sein.

Ob es nicht doch pfiffige Nutzungsmöglichkeiten für das Torhaus gibt, hat jüngst der Bauingenieursstudiengang „Bauen im Bestand“ der Fachhochschule Münster ergründet. FH-Studierende haben zahlreiche Nutzungsideen generiert, die von einem Studenten präsentiert wurden. Vom „Bed and Bike“-Unterkunftsbetrieb über die Ansiedlung einer Bildungseinrichtungen bis hin zu Nutzungen als Museum oder Veranstaltungsstätte hatten sie architektonische Visionen erarbeitet. Viele der Konzepte, räumte der Bachelor-Absolvent der FH ein, würden aber an denkmalrechtlichen oder rein praktischen Einschränkungen scheitern. Hinzu kommt, dass es ein teures Unterfangen wäre, das Torhaus umzunutzen. Die präsentierten Konzepte würden in der Umsetzung zwischen 750000 und 2,5 Millionen Euro kosten.

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